Michael Stolleis (December 2004)


Prof. Dr. Dr.h.c.mult. Michael Stolleis is Director of the Max Planck Institute for European Legal History (a.k.a das Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte). Prof. Stolleis studied legal science in Heidelberg and was awarded his doctorate in Munich under Prof. Sten Gagnér. Prof. Stolleis has taught law and legal history in Germany, including at Munich, Frankfurt and Göttingen, since the early 1970s. In 1991, Prof. Stolleis won the Leibniz Prize and was appointed Director of the Institute. Among his numerous works on legal history, an English translation of his History of Public Law in Germany 1914-1945 (Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland 1914-1945) was published in 2004 by Oxford University Press. The Legal History Project interviewed Prof. Stolleis in December 2004. The following version provides Prof. Stolleis's responses in their original German.

The Max Planck Institute for European Legal History is part of the Max Planck Society, which has more than eighty branches devoted to science, law and other fields in the humanities. How did the Institute for European Legal History come to be a part of the Society?

Das Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte wurde 1964 durch Prof. Helmut Coing gegründet. Coing war als Rechtshistoriker und Zivilrechtler überzeugt, es gehöre zu den fundamentalen europäischen Aufgaben, im Kontext der europäischen Bewegung auch durch die Rechtsgeschichte bewusst zu machen, dass Europa (speziell: das lateinische, „römische“ Europa) eine einheitliche Rechtskultur besitzt. Damit verband er die Hoffnung, das Zeitalter der Nationalismen und der nationalen Kodifikationen durch Rekurs auf das „ius commune europaeum“ mit überwinden zu helfen.

What are the main activities of the Institute for European Legal History?

Die Hauptaktivitäten des Instituts liegen heute (zeitlich) in der Legistikforschung des späten Mittelalters, in der Verwaltungs- und Strafpraxis der frühen Neuzeit, in der Erforschung der juristischen Brief- und Zeitschriftenkultur des 19. Jahrhunderts, in der Erforschung der Wissenschaftsgeschichte des Völkerrechts und des öffentlichen Rechts (19. und 20. Jahrhundert) sowie in mehreren großen Projekten zu den Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

While there is a brief mention of the Institute in English on the Max Planck Society's website, the Institute's own website is in German. Was there a policy decision not to employ other languages online, and is the Institute's work limited or otherwise influenced by the fact that only German is used?

Die Wissenschaftssprache des Instituts ist überwiegend Deutsch, auch wenn es italienische, schottische, polnische und ungarische Mitarbeiter gibt. Die Länder, mit denen am meisten Kontakte bestehen sind Italien, Niederlande, Frankreich, Skandinavien und die USA, nicht dagegen - leider - England. Wir verhalten uns hier bewusst etwas anders als die Fächer der „natural sciences“ und der Sozialwissenschaften.

Today, important German figures like von Savigny are barely known to lawyers in the United States and perhaps elsewhere in the English-speaking world. Do you feel that positive German contributions to Western law over the centuries have been overshadowed by the attention given both abroad and in Germany to the Nazi regime's legal perversions?

In der Tat gibt es ein großes öffentliches Interesse an der Zeit des Nationalsozialismus. Das muss auch so sein. Meine eigenen Arbeiten sind seit 30 Jahren zu einem größeren Teil diesem Thema gewidmet. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass positive Leistungen der deutschen Rechtswissenschaft dadurch überschattet worden sind (etwa die theoretische Durchdringung der Grundrechte und des Rechtsstaats, Beiträge zum modernen Europarecht, zum Wirtschaftsrecht, zur Rechtsvergleichung usw.).

To follow up a bit on the previous question, in 2002 you published "Reluctance to Glance in the Mirror: The Changing Face of German Jurisprudence after 1933 and post-1945." Do you believe that the traumas of fascism and World War II have affected German law as strongly as did the German "reception" of Roman law in the early modern period?

Die westdeutsche Rechtskultur nach 1945 war tief beeinflusst von der traumatischen Erfahrung, dass der Staat als Verbrecher auftreten und die Juristen mitreissen konnte. Mit dem europäischen Prozeß der „Rezeption“ des römischen Rechts vom 12. bis zum 16. Jahrhundert ist das aber nicht wirklich zu vergleichen. Das römische Recht erfasste alle westlichen Länder Europas, es wirkte auf den „Stil“ und die „Sprache“ des Rechts, es begleitete den frühen Kapitalismus und die Entstehung des modernen Staates. Das sind viel größere und länger wirkende Vorgänge als die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, die zwar äußerst düster waren, aber nur zwei Generationen betrafen.

Looking beyond Germany for a moment, do you find that the European Union's growing legal regime reflects older European legal models and customs, or is it a wholly new system without ties to the legal past? Put differently, does the European Union represent a continuity or disruption of Rome's legal legacy to Continental Europe?

Der Vergleich zwischen dem modernen Europa seit den Römischen Verträgen von 1957 bis heute mit dem Ancien Régime liegt nahe und ist historisch reizvoll. Wie immer bei Vergleichen gibt es „Ähnlichkeiten“ und „Verschiedenheiten“ und das Ergebnis des Vergleichs hängt davon ab, was man favorisiert. Eine reale Kontinuität gibt es nicht. Auch träumt niemand ernsthaft von der Wiederherstellung eines „imperium romanum“ oder einer wirklichen Rückkehr zum „ius commune“. Die modernen Industriegesellschaften haben andere Bedingungen und Aufgaben.

Dennoch ist es sinnvoll, sich die Ähnlichkeiten und Unterschiede klar zu machen, vor allem bei der Ausbildung junger Juristen. Ich favorisiere deshalb für alle juristischen Ausbildungen in Europa obligatorische Basisinformationen über die ältere Rechtskultur vor dem Zeitalter der Nationalismen.

Would you consider the average German lawyer today to be well-versed in German legal history, in broader European legal history, and perhaps even in English or American legal history?

Der „average German lawyer“ sollte, wie gesagt, solide Basisinformationen über die deutsche Rechts- und Verfassungsgeschichte haben, er solle die wichtigsten europäischen Rechtssysteme kennen (z.B. auch Englands und Schottlands). Die meisten jungen Rechtsanwälte sind heute schon über englisches, amerikanisches und französisches Recht ziemlich gut informiert, oft durch Aufenthalte in den USA.

Does instruction in legal history form a standard part of the training of German lawyers? Does the Institute take any particular view on the role of legal history in German legal education?

Die Rechtsgeschichte ist an fast allen deutschen Universitäten ein fest verankertes Element. Meist gibt es zwei Rechtshistoriker (römische und deutsche Rechtsgeschichte), manchmal nur einen. Die Rechtsgeschichte ist aber derzeit unter Druck, weil viele Lehrstühle aus finanziellen Gründen gestrichen werden. Dadurch entstehen Konkurrenzsituationen zum aktuellen geltenden Recht. Ausserdem nehmen die Kenntnisse des Latein kontinuierlich ab.

Das Max-Planck-Institut kann diese Probleme nicht lösen, aber es bietet mit der International Max-Planck-Research-School for comparative legal history exzellente Möglichkeiten zur Forschung und Promotion, es veranstaltet jedes Jahr einen „Sommerkurs für europäische Rechtsgeschichte“ und seit Herbst 2004 noch eine „Studienwoche“ für junge Rechtshistoriker des 13.-16. Jahrhunderts.

What originally drew you to legal history?

Ich begegnete in München meinen Lehrer Sten Gagnér, einem schwedischen Rechtshistoriker mit einem ganz besonderen Charisma. Meine damals noch unklaren Wünsche zu wissenschaftlicher Arbeit formten sich durch den Kontakt mit ihm. Meine Interesse an Staat, Verwaltung und Politik führten mich zum öffentlichen Recht. Speziell im Sozialrecht beeindruckte mich Hans F. Zacher.

In your work, you have dealt with numerous and varied aspects of German legal history. Which topics do you feel are unduly neglected these days by the German academe, and which subjects deserve more attention and prominence abroad?

Vernachlässigt ist leider die Geschichte (und Wissenschaftsgeschichte) des Strafrechts zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert. Ich bin insgesamt überzeugt, dass eine moderne Wissenschaftsgeschichte viel mehr gepflegt werden sollte. Auch eine europäische vergleichende Rechtsgeschichte ist fast gänzlich noch ein Desiderat.

Are you currently working on any legal history projects?

Ich werde, wenn ich gesund bleibe, nach meiner Pensionierung (2006) meine Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland mit einem 4. Band (1945-1990) beenden. Daneben habe ich immer und mit besonderer Freude die Förderung junger Talente als „legal history project“ betrachtet.

Prof. Stolleis was interviewed by Peter C. Hansen.



© Peter C. Hansen, The Legal History Project.